Hong Kong: Revolutionäre Tendenzen


Sturm auf die Bastille

Die revolutionären Tendenzen in Hong Kong veranlassten einige wirre Geister bereits zu der Annahme, einen da am nicht fern erscheinenden Horizont und sich langsam aber stetig anbahnenden Weltoktober heraufziehen zu sehen. Andere gingen davon aus, dass die kommunistische Führung Chinas ein erneutes Tiananmen-Platz-Massaker veranstalten könnte, sollten sich die Protestaktionen weiter aufschaukeln. Generell wird bei solchen Ausbrüchen des Volkszorns angenommen, dass die Unzufriedenheiten gewisser Strömungen gebündelt werden können, um daraus "etwas Großen" entstehen zu lassen. Dass solche Unterfangen schon immer den besonderen Geruch der Subversion; Unterwanderung in sich trugen, kann natürlich nicht abgestritten werden. Auf wohl solch "unterwandernde Tätigkeiten" schloss man auch vor 110 Jahren, als vom 12.-25. Juli des Jahres 1904 vor dem Königlichen Landgericht Königsberg in Ostpreußen Personen durch die deutsche Regierung - allzeit williger Agent des Auslandes - in einem Gerichtsprozess als Angeklagte mit einbezogen wurden, weil diese es zuvor gewagt hätten, "Hochverrat" auch im Rahmen der "Geheimbündelei" gegen das russische Zarenreich zu begehen, was die Beleidigung des Aristokraten, ein wie seine Vorgänger berüchtigter Tyrann, als absoluten Herrscher jener Herrscherkonstruktion mit einschloss. Die angeklagten Personen Nowagrotzki, Braun, Kugel, Klein, Treptau, Mertins, Kögst, Ehrenpfort und Pätzel waren Teil eines durchaus kompliziert aufgebauten Verteilernetzwerks von Publikationen, deren spezieller Bestimmungsort Russland war, das sich über mehrere Länder erstreckte. Im Mai des gleichen Jahres wurde bekanntlich auch der sog. "Reichsverband gegen die Sozialdemokratie" etabliert, um so gegen den "sozialdemokratischen Terrorismus" ankämpfen zu können. Unter anderem zwischen deutschen Zollbehörden und der russischen Polizei entwickelte sich im Verlauf der Zusammenarbeit eine derart enge Intimität, die bei genauerem Hinsehen den Eindruck erweckt haben könnte, es handele sich schlicht um eine weitere Filiale der zaristischen Zensur.

Es handelte sich bei den Verteilerwaren in zusammengenommen beachtlichen Mengen um Druckerzeugnisse sozialistischer Natur, wobei eher harmlos erscheinende Texte und Bilder sozialdemokratischer Prägung durch andere Veröffentlichungen einen besonderen Beigeschmack abbekamen, die den Zaren und sein Günstlingsnetzwerk am nächsten Galgen hängen sehen wollten und teils offen dazu aufriefen, dies etwa durch "terroristische Akte" zu ermöglichen. Unter der geschmuggelten Literatur befanden sich so illustre Untergrundpublikationen wie "Wiedergeburt des Revolutionismus", "Narodowolez" oder u.a. auch "ISKRA". Mit dem in Königsberg in Ostpreußen angestrengten Prozess zielten die preußischen Strukturen darauf ab, die sozialistischen Strömungen als Terroristen zu brandmarken und möglichst auch verbieten zu können. Im Dezember 1903 wurde durch den russischen Botschafter von Berlin, Osten-Sacken, ein durch die deutsche Seite inspirierter Strafantrag an den damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt - ein gewisser: Freiherr von Richthofen - gestellt. Zu dieser bestimmten Sache, nämlich dem Prozess von Königsberg (heute Kaliningrad, eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee) von 1904, gibt es eine passende Publikation auch in digitaler Form, welche als PDF-Dokument in altdeutscher Schrift gelesen werden kann.

DER "GEHEIMBUND" DES ZAREN ("Eisner", 1904)

Die deutschen Sozialisten der Sozialdemokratie verabschiedeten auf ihrem Erfurter Parteitag von 1891 ein Programm, womit man die politische Macht durch wirken auch der Arbeiterklasse - die bereits aufgebaute deutsche Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte zu den international stärksten - anzustreben versuchte. Diese Machteroberung sei das Hauptziel, was aber nicht bedeute, dass dieses Streben ein Werk des Augenblickes sein werde, also nicht die Frucht einer momentanen gelungenen Überrumpelung des Gegners, "sondern nur durch zähe und ausdauernde Arbeit und geschickte Benutzung aller Mittel und Wege, die sich der Propaganda für unsere Ideen und Ziele in der gesamten Arbeiterklasse darbieten, errungen werden kann". Durch die "Einheit" von revolutionären Ideen der Theorie und Praxis sollte bekanntlich der "Sturz der Ausbeuterordnung" erreicht werden, um eine angebliche "sozialistische Gesellschaft" verwirklichen zu können.

Etwa der US-Amerikaner Raymond Robins soll nach der Bolschewistischen Revolution Leiter des amerikanischen Roten Kreuzes in Russland geworden sein. Wie andere bekannte Leute die als Kapitalisten bezeichnet wurden, war er ebenfalls zu seiner Zeit Jünger des Cecil Rhodes. Robins soll gute Kontakte mit Lenin gehabt haben, der eigentlich den Kommunismus voranbringen wollte. Weitere Querverbindungen waren bei Personen wie u.a. zu W. Averell Harriman zu sehen, welcher später amerikanischer Botschafter in Russland werden sollte. Seine Strukturen erhielten ein auf zwei Jahrzehnte begrenztes Monopol der gesamten sowjetischen Manganproduktion. Aber auch Verkäufe an das spätere Sowjetregime wurden für einige amerikanische, britische und deutsche Figuren zu einer regelrechten Goldgrube. Standard Oil und General Electric stellten von 1921 bis ca. 1925 Maschinen im Wert von rund 37 Mio. US-Dollar zur Verfügung, und dies war nur der Anfang. Etwa die deutsche Firma "Junkers" erschuf buchstäblich die sowjetische Luftflotte mit. Später gab es weitere "Mastkuren" für die Sowjets durch unterschiedlichste Einflussnehmer, die im Westen offiziell dennoch so auftraten, als seien sie Gegner dieses Systems.

Für überzeugte Sozialisten und Kommunisten gehörten Brutalitäten durchaus zum Mittel "des Kampfes", denn sie wurden nur als bedauerliche Notwendigkeit für den Aufbau ihrer Utopie betrachtet. Lenin meinte zum Beispiel selbst, man könne kein Omelett machen, ohne dafür Eier zerbrechen zu müssen. Durch George Bernard Shaw, einer der ersten Mitglieder der Fabian Society, drückte man es so aus: "Im Sozialismus wird man euch nicht arm werden lassen. Ihr werdet zwangsweise ernährt, gekleidet, beherbergt, unterrichtet und beschäftigt, ob ihr wollt oder nicht. Sollte man herausfinden, dass ihr aufgrund eurer Art und eures Eifers diesen ganzen Aufwand nicht wert seid, könntet ihr möglicherweise auf humane Weise beseitigt werden. Doch wenn man euch zu leben gestattet, werdet ihr gut leben können". Solche Personen traten generell dafür ein, die "Massen" zu beherrschen. Eine unsichtbare Hand aus wechselseitigen Zwängen und Drücken werde schon die in solch System eingebetteten "richtigen Menschen" formen. Lenin hatte zu seiner Zeit gelehrt, man könne den Massen nicht vertrauen, sollten diese ihre Angelegenheiten selbst regeln. Eine Gruppe disziplinierter Intellektueller könne und müsse diese Rolle übernehmen, um die Menschen ebenso zu disziplinieren.

Mit der Leninschen Partei der Bolschewiki und weiteren Einwirkmaßnahmen sollte das lange geplante Vorhaben später auch in russischen Gefilden blutrote Früchte davontragen. Zu Beginn der 1880er Jahre bildete sich bereits die russische "Arbeiterbewegung" heraus, die marxistische ideologische Strömung, welche ins "System eingeflochten" und durch Georgi Plechanow geführt wurde, begann mehr und mehr "zu wirken". Mit der stetigen Vorbereitung der Massen, eben auch durch den Zustrom "entsprechender Literatur" zur psychologischen Einwirkung, sollten diese vorbereitet werden, um den Zarismus zu stürzen. Um das Ziel erreichen zu können, wurde zum Beispiel 1895 durch Lenin - eigentlich: Wladimir Iljitsch Uljanow - der "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse" gegründet. Aus der Gefangenschaft heraus hatte er im Dezember 1895 "Programmziele" für eine künftige Partei formuliert, deren Strukturen in tiefster Illegalität heranwachsen mussten.

Nachdem sich Lenin im Januar 1900 wieder auf freiem Fuß befand und später u.a. in der Schweiz seinem „Tatwerk“ frönte, war die SDAPR bereits formal proklamiert worden. Mitglieder der Struktur wurden natürlich durch die herrschenden Organe verfolgt, wie u.a. regional etablierte Parteikomitees zerschlagen. Lenins Aufgabe bestand nach seiner Haftentlassung bzw. aus der Entlassung aus der Verbannung speziell darin, die Parteistruktur aus der "opportunistischen Zerfahrenheit" herauszuführen. Um dies erreichen zu können, hatte man z.B. eine im Zarenreich illegale marxistische Publikation in Zeitungsform genutzt, die sog. ISKRA, was "Der Funke" - zur Revolution - bedeutet. Die ersten Ausgaben wurden ab Ende 1900 im deutschen Leipzig gedruckt. Später war u.a. auch Lenins Frau Nadeschda Konstantinowna Krupskaja-Uljanowa Sekretärin der "ISKRA" und des dazugehörigen Organisationskomitees.

Mit der "ISKRA", welche in den letzten Monaten des Jahres 1903 unter verstärkten Einfluss der Opportunisten gefallen sei, sollte das Vorhaben mit angegangen werden, eine "Partei neuen Typs" zu schaffen, die Arbeiterklasse sollte durch ideologisch vorbereitende Einwirkungen auch weiterer Publikationen "fit gemacht" werden, um den Übergang vom da gesehenen Imperialismus des Zarenreichs zum Sozialismus zu bestimmen. Durch das wichtige Propagandaorgan konnte ebenfalls die Einberufung des II. Parteitags umgesetzt werden, wo die Leninsche bolschewistische Partei entstand. Der organisierte Parteitag der SDAPR musste im Juli/August des Jahres 1903 illegal in Brüssel und London tagen. Die durch Lenin geführten Bolschewiki konnten sich hier gegen die als opportunistisch geltenden Menschewiki durchsetzen. Damit war der Weg frei, für die da kommenden "Dinge". Und auch schien diese Entwicklung die leninsche Voraussicht zu bestätigen, dass bald Russland zum Zentrum des internationalen wie "revolutionären Befreiungskampfes" werde, was spätestens mit der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" bestätigt werden sollte.

Trotz, dass die ISKRA unter opportunistische Kontrolle gefallen sei, konnten leninsche Strukturen recht erfolgreich weiter wirken. Im August des Jahres 1904 trafen sich 22 Bolschewiki unter Lenins Führung in der Schweiz und man forderte einen III. Parteitag ein. Dieser wurde im April 1905 abgehalten und endete mit dem vollständigen Sieg der vorgegebenen Linie Lenins. Kurz angemerkt werden könnte an dieser Stelle, dass eine starke solidarisch wirkende Verflechtung deutscher und russischer Arbeiter eine lange Tradition besaß. Beziehungen zwischen Marx, Engels und russischen Revolutionären wurden ab circa 1883 durch die erste marxistische Gruppe Russlands erfolgreich fortgesetzt. Die Gruppierung "Befreiung der Arbeit" und die bereits erwähnte Person Georgi Plechanow betrachteten die politischen wie theoretischen Leistungen der deutschen Sozialisten als Vorbild, weshalb frühzeitig enge Beziehungen zu deutschen Sozialdemokraten hergestellt wurden. Die in den Anfängen der Einwirkungen etablierte Arbeitsorganisation in Russland orientierte sich an den Parteiprogrammen der deutschen Partei.

Wegen des deutschen Sozialistengesetzes, das durch Bismarck etabliert wurde, besaßen dortige Sozialdemokraten bereits gute Erfahrungen in der Konspiration, was sicherlich auch nützlich gewesen zu sein schien, um den illegalen Literaturtransport gen Russland zu vollziehen. Im Rahmen dieser Aktionen fungierte im weit geflochtenen Transportnetzwerk Berlin als zentraler Umschlagplatz. Die im Ausland etablierte Organisation der ISKRA versandte jeweilige Literatur, welche auch speziell aus der Schweiz und Großbritannien kam, von Berlin aus sowohl an weitere Umschlagstellen nach Prag und Wien, als auch an Lagerhaltungen nach Stockholm, Königsberg, Lemberg, Iasi, Warna, Marseille und Täbris. Im weiteren Transportverlauf gelangte die Literatur z.B. an innerrussische Verteilerpunkte, wie nach Wilna, Smolensk, Odessa, Batumi oder auch Baku. Von dort aus wurde der Transport bzw. auch die weitere Vervielfältigungsarbeit in illegal organisierten Druckereien vollzogen.

Als Mastermind hinter dem kompliziert verschachtelten System, in dem Hunderte Personen einbezogen waren, stand Lenin selbst, der es unter strenger Wahrung konspirativer Regeln führte. Die ersten Strukturen jenes Netzwerks bildeten sich dabei schon in den 1890er Jahren heraus. Mitte des Jahres 1900 wurde es strategisch erweitert, in den Jahren 1902/1903 stand es in seiner vollen Blüte. Im Rahmen der Neuausrichtung 1900 hatte Lenin selbst unter anderem mit der jüdischen Arbeitsorganisation "Bund" und mit einer Gruppierung "Arbeiter des Südens" in russischen Gefilden eine Vereinbarung treffen können, um den Transport der ISKRA von München ausgehend über Berlin als zentrale Umschlagstelle nach Poltawa und Pskow zu ermöglichen. Lenin war durch sein besonderes Geschick in diesen Dingen, solche Netzwerke anzuleiern und zu führen, unmittelbar mit der Transportorganisation verbunden und er kümmerte sich um alle wichtigen Detailfragen, die mit dem Netzwerk zusammenhingen.

Für die Herstellung "revolutionärer Erzeugnisse" u.a. in russischer Sprache kamen vor allem auch London, Genf, Paris und New York in Betracht. In London, einer Gegend, wo nicht nur Marx, Engels oder die deutsch-russische Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky verstarben, gab es zum Beispiel die Vereinigung "Committee Russian Press Found", welche die Publikation "Free Russia" - Swobodnaja Rossija herausgab. Eine weitere Vereinigung bezeichnete sich übersetzt als "Auswärtiger Verband der polnischen Sozialdemokratie", welche die Publikation "Przedswit" herausgab. Die "Arbeitsstimme" wurde veröffentlicht mit durch Strukturen des A. Nathanson, aber auch die "Glos robotniczy" gehörte hier zum Sortiment. Andere veröffentlichten in lettischer Sprache die "Latviesu Stradnieks". In der Schweiz gab es die "ISKRA", "Rewoluzionnja Rossija", "Krasnoje Snamja" oder u.a. auch den "Student". In Paris bestand die "Societé nouvelle de Librairie et d`Edition"-Struktur, welche revolutionäre Erzeugnisse anfertigte. Weil zum Beispiel auch Deckadressen des Literaturumschlags an mit deutschen wechselwirkende russische Regierungsarme durchgeleitet wurden, konnte man teils annehmen, dass geheimdienstliche Zarenstrukturen extrem terroristisch erscheinende Publikationen an solche Adressen selbst versandten und später passend abfingen ließen, um möglichst belegen bzw. vorspiegeln zu können, dass insbesondere der "Mord am Zaren" auf dem Programm stünde.

Ab Ende Dezember des Jahres 1904 erschien dann die "Wperjod" als ständiges Propagandaorgan der Leninschen Partei. Durch die etablierten Strukturen von Berlin als zentrale Umschlagstelle unter anderem der ISKRA stellte man deren Transport ein und konzentrierte sich insbesondere auf den logistisch ausgefeilten Transport bolschewistischer Literatur. Zu den Zeiten wo das Netzwerk bestand und später weiter ausgebaut wurde, hatten bereits auch diverse Regierungsstrukturen und deren geheimpolizeiliche Dienste Kenntnis von diesem erlangt. Eine besonders unrühmlich wirkende Rolle soll die deutsch-preußische und zaristisch-russische Verbindung gespielt haben. Schon 1881 versuchten jene auch eine internationale Vereinbarung zu schaffen, in diesem Fall noch "im Kampf gegen den Anarchismus". Dieses Bestreben scheiterte - dennoch residierte die russische Geheimpolizei in allen wichtigen Ländern Europas. Besonders die Hilfe durch deutsche Reichsregierungsstrukturen sei "exzellent" gewesen.

Auf russisch-deutsche Initiative hin fand 1898 in Rom eine Konferenz statt, an welcher 21 Länder beteiligt waren. Die Regierungen zeigten sich durchaus gewillt, unter dem Banner des "Kampfes gegen den Anarchismus" umfängliche Strukturen zu etablieren, um gegen die permanent vor Augen habende Gefahr vorgehen zu können. Aber auch diese Zusammenkunft scheiterte letztlich, da das Ziel nicht wirklich exakt definiert worden war. Dennoch konnte erreicht werden, unterhalb der gesetzgeberischen Schwelle, dass "gewisse Dinge" umgesetzt wurden. Die beteiligten Staaten sollten besondere Polizeiorgane zur Observation, in diesem Fall revolutionärer Kräfte, etablieren - welche in engem Kontakt zueinander stünden. Unter anderem sollten "spezielle Karteiarchive" angelegt, wie zudem die Ausweisung von Emigranten beschleunigt werden. Der subversiv wirkenden Literatur, die Verbreitung durch Veröffentlichung und Transport, müsse mit Repressivmaßnahmen begegnet werden.

Die russische Zarenregierung schlug vor, man solle die angestoßenen Empfehlungen von Rom im speziellen Rahmen umsetzen, was damit einhergehen könnte, diese auch eng mit den Kriminalgesetzen in den einzelnen beteiligten Ländern zu verbinden. Wenig später, im Oktober 1900, hatte dann die deutsche Regierung, welche zur damaligen Zeit stets auf russlandfreundlichem Kurs war, eine internationale Konvention gegen den "Anarchismus" vorgeschlagen, wobei möglichst auch die folgenden Maßnahmen umgesetzt werden sollten: jedes Land sammelt in einer zentralen Polizeieinrichtung Nachrichten über Revolutionäre, beobachtet deren Bewegungen und übermittelt die Erkenntnisse an die entsprechenden ausländischen Partner. Zudem müsse erwogen werden, dass die Spitzeltätigkeit gegen ausländische Personen mit Maßnahmen zu deren Ausweisung verbunden wird. Mittels bilateraler Abkommen und Beratungen könne man außerdem den gesamten Prozess untersetzen.

Die russischen geheimdienstlich aktiven Polizeiagenturen waren z.B. in Paris, London, in der Schweiz und auf dem Balkan in "Tätigkeiten" eingebunden. In der etablierten Struktur von Berlin arbeitete eine Geheimagentengruppierung speziell auch an der Überwachung der ISKRA-Organisation. An der Spitze der Agentur von Berlin stand ein gewisser Herr Heckelmann, der auch unter dem Aliasnamen Harting in Erscheinung trat. Allgemein bekannt war in gewissen Kreisen, dass jene Figur sehr enge Beziehungen zu den deutschen Polizei- und Zollorganen pflegte, was freundschaftliche Beziehungen zum Berliner Kriminalkommissar Wynen mit einschloss. Doch nicht nur das. Ebenso tat sich der in besonderer Weise in Saft stehende Allrounder als Günstling der Ochrana - die Geheimpolizei im zaristischen Russland - hervor. Heckelmann gehörte z.B. zum persönlichen Schutztrupp des Zaren Alexander III. bei dessen Reisen in skandinavische Gefilde. Schmücken tat er sich gerne mit dem Kreuz der französischen Ehrenlegion, dem englischen Victoria-Orden, mit dem österreichischen Verdienstkreuz oder auch mit dem Roten Adlerorden der Preußen.

Von den geheimdienstlichen Unterfangen, die immer wieder nicht nur Spitzeltätigkeiten auf deutschem Boden, sondern auch darüberhinausgehende "Dinge" mit einbezogen, herrschte natürlich bei Bekanntwerden gewisser Aspekte nicht nur Freudentaumel. Der Historiker Hans Delbrück, welcher aus dem bekannten Hause der Delbrücks her entspringt, wie u.a. Adelbert Delbrück als Mitbegründer der Deutschen Bank, welcher zur entfernten Verwandtschaft des deutschen SPD-Politikers Peer Steinbrück gehörte, schrieb in den Preußischen Jahrbüchern davon, dass es beschämend sei, weil russische Spitzel auf deutschem Boden operieren dürften und dabei alle in Opposition zum Zarismus stehenden deutschen und russischen Menschen verfolgt würden. Wesentlich anderer Auffassung war aber z.B. auch der Reichskanzler Graf Bülow, der die revolutionäre Bewegung als moralische Pest des Anarchismus bezeichnete. Jene dort verfangenen Personen müsse man so bekämpfen, wie es bei jeder anderen Seuche zu tun sei, Schnorrer und Verschwörer - ohne damit sich selbst gemeint zu haben - gelte es ohne Wenn und Aber auszuweisen.

Russland war eigentlich nie vollständig in das europäische System integriert, vielmehr im 17. und 18. Jahrhundert eine leidliche Nachahmung einer westeuropäischen Monarchie, und zum Schluss sprach man sogar von Verfassung und Parlament. Aber in seinem Grundwesen blieb dieses riesige Reich eine asiatische Despotie, und die aufeinanderfolgenden Revolutionen des Jahres 1917 hatten diese europäische Maske zerschmettert. Das daraus erwachsene Regime war das einer kleinen, straff disziplinierten und sich zu den Dogmen von Marx und Lenin bekennenden Gruppe. Wie später unter den Sowjets verbarg sich bereits unter dem russischen Zarenreich bis zuletzt eine wahre Schreckensmaschinerie, die zwar offiziell keinen "Terror" wegen der göttlichen Vorbestimmung praktizierte, doch dies in gesetzlicher Form zu pflegen tat.

Im absolutistisch ausgerichteten wie entsprechend tyrannischen Zarenreich gehörten auch in pyramidal-abfließender Richtung Vergewaltigungen von Leib und Seele, andere Folterpraktiken u.a. in dunklen Kellerräumen der Geheimpolizei, aber auch in der Öffentlichkeit, und Co. zum Tagesprogramm dazu. Deklarierte Feinde, durch die teils bis zum äußersten gehenden Herrscherstrukturen im Zarenreich als solche bezeichnet, wurden bekanntlich in rauen Mengen in die Verbannung gen Sibirien "verbracht". Besonders hervorgestochen war natürlich auch das im Gebälk des Zaren von wichtiger Bedeutung zählende, zügellos agierende, verworfene, raubgierige Bürokratiesystem. Dass es in solchen Konstruktionen auch keinen Unterschied gab zwischen Gesetzen und Verordnungen, sollte nicht unbedingt verwundern, hatten die treuen Beamten doch Befugnisse „sich erhalten“, um eine gottähnlich wirkende, unbegrenzte Gewalt zu erlangen.

Nicht umsonst neigten juristische Kritiker des Systems schon zu damaligen Bestandszeiten dazu, das "Schwarze Reich" so darzustellen, in dem an den oberen Stellen der offizielle Klüngel herrsche und in den unteren Bürokratie-Ebenen die grenzenlose Willkür der "Paschas" - von einigen damals auch als "Kamorra" bezeichnet. Aber auch solche waren nicht davor gefeit, im Rahmen der gegenseitigen Bespitzelung und damit einhergehenden Förderung von Dachschäden, z.B. aus der griechisch-katholischen Religion auszutreten. Hätte eine Person des Wirksystems dies selbst ohne Befugnis getan, hätte diese alle ihr zugestandenen bürgerlichen Rechte und ggf. Sonderrechte, auch das auf die Erziehung der Kinder verwirkt. Was in den späteren Gruselkonstruktionen unter Hitler an die Spitze getrieben wurde, vollzog man bereits unter dem Zaren, um an dieser Stelle russische Juden anzusprechen. Jene durften z.B. wie unter anderem nicht an der Grenze wohnen, nicht auf dem Lande, nicht außerhalb des bestimmten Ansiedlungsgebietes und auf hundert studierende Russen durften nicht mehr als max. 5 Personen jüdischen Glaubens kommen.

Wo solche Zustände vorherrschten, sollte es nicht überraschen, dass die Presse nicht besser davon kam. Diese unterstand bereits unter dem Zarensystem dem Minister des Innern, der u.a. das Recht hatte, oder um es besser auszudrücken, es sich „genommen erhielt“, dass die Gründung einer Zeitung der Erlaubnis bedurfte. Er konnte dies erlauben oder ablehnen. Zudem bekam der Minister das Recht, jederzeit nicht-verbotenen Zeitungen im Reich Annoncen für eine bestimmte Zeit zu verweigern, für erzieherische Maßnahmen, sollten sich jene ein wenig anders geäußert haben, als das Volkswohl es vertragen hätte können. Aber auch die Vorgabe, gewisse Fragen überhaupt direkt zu erörtern, gehörte wie weitere Schikanen mit in den Werkzeugkasten der Zensur. In "höherer Zusammenarbeit" konnten der Minister für sog. "Volksaufklärung", der Minister des Innern, der Justizminister und der Prokurator des Heiligen Synods zu jederzeit eingreifen, um Veröffentlichungen die von der offiziellen Linie abwichen zu unterdrücken. Das Zensursystem umfasste natürlich aber auch die kirchliche Zensur, die Hofzensur, die Militärzensur, die Auslandszensur, die Bibliothekszensur, die Volksbibliothekszensur und mehr.

Den meisten Russen juckte dies aber sowieso damals nicht, da ohne besondere Erlaubnis des zuständigen Ministers derjenige hart bestraft wurde, der Lesen und Schreiben lehrte. Begründung war unter anderem gewesen, dass der "Missbrauch" des Unterrichts befürchtet werde, demnach speziell zu "ungesetzlichen Zwecken". Wer im Zarenreich durch gewisse Dinge auffällig wurde, konnte nicht nur direkt „abgefoltert“, sondern auch in entfernte Gegenden verschickt werden. Betroffene Personen verloren ebenfalls das Recht den Wohnort zu wechseln, irgendein Amt anzunehmen oder in Privatdienste einzutreten, ihre Wohnung stand für die Polizei so gesehen Tag und Nacht für Durchsuchungen offen, aber auch auf Befehl des Ministers des Innern war es schon damals erlaubt, den Post- und telegraphischen Verkehr zu observieren. Als besonders ekelhaft wurde empfunden, dass Ärzte nur mit besonderer Erlaubnis erkrankte Personen besuchen durften, um diesen weiterzuhelfen. Was speziell für solche Menschen zur Todesfalle werden konnte, die in Polargebiete Sibiriens oder in das Gouvernement Archangelsk verbannt wurden.

Dass der Zar als absoluter Herrscher und seine Günstlinge ihren gewohnten Lebensstil und den Glauben etwas: "Höheres" zu sein nicht freiwillig aufgegeben hätten, sollte soweit nicht überraschen. Dennoch wurden durchaus Ratschläge an diese erteilt, dass die "eiserne Hand" zu noch mehr Problemen führen werde. Das ganze Volk, welches durch die Agitation interner, wie externer Strukturen und der allgemein schlechten Zustände im Zarenreich immer weiter aufbegehrte, konnte man natürlich unmöglich ganz vernichten, um so die "Probleme" zu beseitigen. Die Unzufriedenheit mit Gewalt "auszumerzen", würde diese nur noch weiter anwachsen lassen. Nach der Vernichtung einiger "Zellen" träten nur noch stärkere dieser hervor. Damit werde die gesamte "revolutionäre Stimmung" weiter angeheizt und die Bewegung wachse genauso schnell weiter an, wie die Unzufriedenheit in der Bevölkerung selbst.

Offen wirkende terroristische Akte, welche dem Zarensystem zugeschrieben wurden, aber natürlich unter Recht und Gesetz wie auch dem "höheren Etwas" legitimierbar hätten sein können, nutzte man wohl nicht nur in europäischen Gegenden dafür, um als gegnerisch klassifizierte Personen loszuwerden - welche je nach Strömung selbst zu terroristischen Mitteln griffen. Doch auch auf „andere“ hatte man es abgesehen. Da hätte es etwa das sog. kaiserlich-russische "Asiatische Departement" gegeben, das speziell für "politische Angelegenheiten" im Nahen und im Fernen Osten oder den Balkanstaaten zuständig gewesen sei. Man legte den zaristischen Strukturen Hochverrat und zahlreiche Bombenanschläge zur Last. In Bulgarien hätte man über die ausgelagerten Strukturen z.B. das serbische aristokratische Herrscherpaar aus dem Leben befördert. Daneben gab es Vorwürfe zu anderen Verschwörungen, die nicht immer in Tötungsabsichten betrieben wurden, wie Dynamitattentate, aber auch Zugentgleisungen seien organisiert worden.

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