Kampfstoffe, Militär: Reste von Chemiewaffen aus Syrien sollen in Deutschland abgefackelt werden


(C) Will Palmer, 2006, Bild: flickr (CC BY 2.0)

Nach den bisherigen Irritationen in Syrien (Terrorgruppierungen, Chemiewaffen, Atomreaktor etc.) sollen nun laut einem Bericht der Springer-Publikation "Die Welt" in Deutschland Tonnen an vorneutralisierten Kampfstoffresten aus wohl syrischen Beständen (Chemiewaffen) vernichtet werden. Untersuchungen ergaben rückblickend, dass in Syrien vor einigen Monaten auch der chemische Kampfstoff Sarin eingesetzt worden sei. Unter anderem russische Medien gingen hauptsächlich davon aus, es waren über drei Ecken angeleierte Terrorstrukturen, welche den Kampfstoff als chemische Waffe nutzten, die westliche Berichterstattung schwor sich darauf ein, es seien staatliche Assad-Strukturen gewesen. Laut dem UN-Sicherheitsrat müssten Chemiewaffenbestände aus Syrien bis Mitte des Jahres (2014) vollständig vernichtet sein, die sehr gefährlichen Stoffe wie Senfgas, Sarin oder das Nervengas VX müssten bis April laufenden Jahres zerstört sein. Die Regierungen von Russland, USA und Syrien hatten im vergangenen Jahr einen entsprechenden Plan "ausgehandelt".

Der angeführte Kampfstoff Sarin selbst war dabei ausgerechnet eine deutsche Erfindung. Mit unter anderem Sarin hantierte damals vor dem Ende des 2. Weltkriegs das Kartell I.G.-Farben (deren innerster Zirkel sich in Selbstdarstellung bezeichnete als: "Der Rat der Götter"). Die Publikation "Zeit" berichtete im vergangenen Jahr: "Chemiewaffe Sarin - Eine deutsche Erfindung". In 1938 wurde unter anderem dieser in Wuppertal-Elberfeld (in einem Labor der I.G. Farbenindustrie) entwickelt und später gelangte(n) die tödliche(n) Formel(n) auch in die Hände der Sowjets. Sarin stellt die Abkürzung dar für: "S" (Bayer-Chemiker Gerhard Schrader), "A" (Otto Ambros von der IG Farben), "R" (Gerhard Ritter vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau) und das "IN" (Hans Jürgen von der Linde vom Heereswaffenamt).

Die deutsche Bundesregierung habe sich laut Bericht von "Die Welt" nach einer offiziell gestellten Anfrage der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OVCW) dafür entscheiden können, "dass Deutschland einen substanziellen Beitrag zu leisten" bereit ist. Im Vorfeld schon hatte man laut "Focus" technische und logistische Unterstützung für die Vernichtung außerhalb Deutschlands angeboten und gewährt. Umgesetzt werden soll die Vernichtung der aus Syrien stammenden Chemiewaffenreste demnach bei der bundeseigenen Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH (GEKA), deren Anlagen durch internationale Rüstungskontrollverträge zertifiziert seien.

Angesiedelt ist die GEKA laut Wikipedia beim Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien – ABC-Schutz. Ein Sprecher der GEKA-Geschäftsführung meinte zur Vernichtung der Stoffe aus Syrien, man wisse um die große politische Bedeutung, man sei aber nicht wirklich beunruhigt, da man schon viel Gefährlicheres vernichtet habe. Es handele sich laut Bericht von "Spiegel" bei den Stoffen, welche in Deutschland vernichtet werden sollen, um Hydrolysat - demnach sei dies keine Chemiewaffe mehr selbst, sondern ein stark verdünnter Bestandteil, welcher mit flüssigen Industrieabfällen vergleichbar wäre. Zur Vernichtung wolle man bei der GEKA wohl vor allem einen Kammerofen aus den 1980er Jahren nutzen.

Die bundeseigene GEKA

Laut offizieller Webseite der GEKA mit Sitz im niedersächsischen Munster (Landkreis Heidekreis), welche zu 100 Prozent im Bundesbesitz ist, heißt es, man verfüge über ein weitläufiges Gelände, welches direkt am Truppenübungsplatz Munster-Nord als größter Standort des deutschen Heeres und viertgrößter Standort der Bundeswehr grenzt und man habe die perfekte Infrastruktur dafür, die Entsorgung von Altlasten und Kampfmitteln zu bewerkstelligen. Im Auftrag der deutschen Bundesregierung arbeite man am primären Ziel, eine sichere und nachhaltige Entsorgung der Hinterlassenschaften beider Weltkriege zu vollziehen, wobei Kampfmittelfunde und Altlastenlieferungen auch heute noch nicht abreißen würden.

Unter Nazideutschland hatte die Wehrmacht durch die Errichtung der sogenannten Heeresversuchsstelle "Raubkammer" im Truppenübungsplatz Munster-Nord hier ab dem Jahr 1935 die Erprobung von Kampfstoffen gestartet, in Pilotanlagen produzierte man auch Tabun und Sarin. Die Briten hatten nach dem 2. Weltkrieg entsprechende Anlagen gesprengt, was zu Kontaminationen speziell des Bodens geführt hat.

Außerdem wurden damals auch durch Alliierte Waffen beschlagnahmt, auf verschiedene Schiffe verladen und nachfolgend z.B. im Skagerrak versenkt, was damaligem Stand zufolge noch keine Umweltstraftat gewesen sei. Zum Beispiel "Senfgas" (anderer Name: Schwefellost) wurde in der Ostsee versenkt. Noch heute können sich an Stränden der Ostsee immer wieder kleine "Lost-Klumpen" finden lassen, die Bernstein ähnlich sehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Alliierte chemische Kampfmittel in sehr großen Mengen in der Ostsee verklappt. Die Rede war von Fässern, Bomben und mehr, die laut einer "Kleinen Anfrage" (16/353) im Jahr 2006 mit mindestens 65.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe wie Senfgas, Tabun, Zyklon B und Sarin angegeben wurden, die auf dem Meeresgrund der Ostsee lagerten/lagern. Laut Meinung diverser Experten damals hieß es, wobei aber offizielle Zahlen für die Ostsee nicht bekannt waren, es wurden nach dem Krieg zusätzlich mehrere hunderttausend Tonnen konventioneller Munition in der Ostsee versenkt.

Britische Firmen lieferten Natriumfluorid

Die britische Publikation Daily Mail meinte im September 2013, zwischen den Jahren 2004-2010 hätten auch britische Firmen Natriumfluorid an Syrien verkauft/geliefert. Dabei handele es sich um einen der wichtigen Grundstoffe zur Produktion des tödlichen Nervengases Sarin. Die britische Regierung habe Unternehmen entsprechend auch Exportgenehmigungen erteilt. Geliefert wurde Natriumfluorid wohl demnach auch an ein angebliches syrisches Kosmetikunternehmen.

Die letzte Exportgenehmigung sei im Mai 2010 ausgestellt worden. Man ging davon aus, dass die letzten britischen Lieferungen von Natriumfluorid erst Ende 2010 in Syrien eintrafen. Vor diesem Bericht der Daily Mail kam heraus, dass britische Beamte kurz vor dem Ausbruch der Bürgerkriegsunterfangen in Syrien Genehmigungen für den Export von Natriumfluorid und Kaliumfluorid nach Syrien ausgestellt hatten. Der britische Premier David Cameron, der entfernt verwandt sein soll mit der ehem. russischen Herrscherin Katharina (II), zeigte sich wie gehabt überrascht.

Ergänzend sei an dieser Stelle noch angemerkt: In den Jahren von 1998-2011 wurden aus Deutschland rund 300 Tonnen Fluorwasserstoff und andere Fluoride nach Syrien geschickt. Neben Chemikalien gingen u.a. auch passende Anlagen an die Assad-Republik.

Ältere Chemie-Irritationen

Vor dem letzten Irak-Krieg meinte Yale-Absolvent und Mitglied von Skull-and-Bones, der ehem. US-Präsident George W. Bush, welcher verwandt ist u.a. mit dem aktuellen US-Außenminister John F. Kerry (der zuletzt ständig durch Nah-Ost turnte), in einer Rede in Cincinnati, Ohio, am 7. Oktober des Jahres 2002: "Wir wissen, dass das Regime [Anm. Irak/Hussein] Tausende Tonnen chemischer Wirkstoffe produziert hat, darunter Senfgas, Sarin und das Nervengas VX". Bei der Rede zur Lage der Nation meinte Bush am 28. Januar 2003: "Unsere Geheimdienstexperten schätzen, dass Saddam Hussein die Mittel für die Produktion von 500 Tonnen Sarin, Senfgas und VX-Nervengas besitzt".

Das sogenannte Internationale Institut für strategische Studien kam damals zu dem Ergebnis, "Saddam ist nur noch wenige Monate von einer Atombombe entfernt". Außerdem hieß es im Bericht "Iraks Weapons of Mass Destruction - A Net Assessment", dass der irakische Diktator über tausende Liter Anthrax, hunderte Tonnen Senfgas, mehrere hundert Tonnen Sarin und VX verfüge und außerdem über die Mittel, von diesen Substanzen noch weitere große Mengen zu produzieren.

Strukturen der US-Regierung nahmen im Jahr 1984 wieder diplomatische Beziehungen zum Irak auf, der sich damals mitten im ersten seiner Angriffskriege befand, da man erreichen wollte, dass die Islamische Revolution auf den Iran beschränkt bleibt. Die USA und Großbritannien standen in diesem Krieg auf Seiten des Iraks, und US-Verbündete, darunter Saudi-Arabien an erster Stelle, finanzierten damals die irakische Kriegsmaschinerie. Noch zu der Zeit, als der Irak in Kuwait einmarschierte, waren die USA darum bemüht, in engere Beziehungen zum Irak zu treten.

Im Irak startete man ein umfassendes biologisches Waffenprogramm, bei welchem man nach eigenen Angaben unter anderem 30.000 Liter biologischer Kampfstoffe herstellte und zum Teil in Waffen abfüllte. Darunter waren bekanntgewordenen Informationen zufolge etwa 19.000 Liter eines Stoffes gewesen, der Lebensmittelvergiftungen verursacht, um die 2000 Liter Aflatoxin, welches Leberkrebs verursacht, und über 8400 Liter der extrem gefährlichen Milzbrandbakterie Anthrax, von der eine Spore in der Lunge ausreicht, um einen Menschen zu töten. Bis in 1991 hatte man im Irak mehr als 20.000 Tonnen Vorprodukte für Chemiewaffen produziert oder importiert und rund 4000 Tonnen Chemiewaffen-Kampfstoffe.

Nach der "Wende" in Deutschland gab es mit Blickfeld auf den Irak Berichte, wonach der ehemalige Agent Kadhi des Organisation Gehlen Nachfolgers BND, (Bundesnachrichtendienst) - welchem auch gute Beziehungen zu Syrien nachgesagt werden - welcher, nachdem er als ausländischer Spion aufflog, eigentlich im Irak zum Tode verurteilt worden war, durch Interventionen des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher aber später freikam, zusammen mit EX-Managern der Preussag wesentlich bei der Giftgas-Produktion im Irak involviert gewesen sein soll. Man habe auch über eine Hamburger Firma damals Anlagen geliefert, in denen die chemischen Grundstoffe zur Herstellung der Nervengase Tabun und Sarin erzeugt wurden.

Teile für die Fabrik seien über die Türkei nach Falludscha gebracht worden. Unter anderem in Libyen waren ähnliche Dinge in der Vergangenheit zu sehen. Beim Bau der libyschen Chemiefabrik in Rabita war von Giftgasproduktion die Rede. Anlagen wurden in den 1980er Jahren bspw. über die Frankfurter IBI von Preussag für das libysche Technologie-Zentrum geliefert. Ein anderes "Geheimprojekt" sollte in Libyen wohl auch am Militärstützpunkt Sabha hochgezogen werden. "Spiegel" schrieb davon, "in wesentlichen Details" gleiche diese der Anlage von Rabita, die mit Hilfe der deutschen Firma Imhausen gebaut wurde.

Vor der Selbstauflösung der Sowjetunion wollten die USA ihre Kampfstoff-Lager in Europa mit VX weiter nachrüsten. Dargestellt wurden jene Unterfangen als verbesserte Aufrüstung gegen die Sowjets, wobei aber Reagans C-Waffen-Entscheidung speziell in Westdeutschland für politischen Zündstoff sorgte. Geplant gewesen sei demnach, dass die todbringenden Stoffe in der damaligen Bundesrepublik gelagert werden sollten. Im Kriegsfall könnten sie dann passend und schnell zur Anwendung kommen, im Falle eines sog. "Gaskrieges" - wobei Spiegel damals titelte: "Todeswolken über Europa". Aus den Vorjahren waren offiziellem Stand zufolge damals schon fertig gemischte Chemiewaffen im Umfang von rund drei Millionen Bomben, Minen und Granaten vorhanden, die in US-Arsenalen lagerten.

Auf etwa 150.000 Tonnen wurde die Gesamtmenge beziffert, wovon in Deutschland rund 4000 Tonnen lagerten. Als positive Begründung zur Chemiewaffenaufrüstung brachte man hervor, dass die C-Waffen-Arsenale des Warschauer Paktes ja wesentlich umfangreicher wären - diese lägen damaligem Stand zufolge bei über 700.000 Tonnen. Insgesamt seien die Sowjets mit dem Warschauer Pakt deutlich besser für eine mögliche offensive/defensive chemische Kriegsführung ausgerüstet, strukturiert und ausgebildet. Anfang der 1980er Jahre bereits vermutete man, dass die Sowjets angeblich den chemischen und bakteriologischen Krieg der Zukunft planen/üben würden. Laut Angaben eines im Jahr 1985 veröffentlichten Berichts der NATO wären rund 15.000 Wissenschaftler innerhalb des Warschauer Pakts schon damals seit über 30 Jahren mit der "Grundlagenforschung für C-Waffen" beschäftigt gewesen.

Dies unter anderem auch im damaligen DDR-Chemiekombinat Bitterfeld, im VEB Fahlberg List, das ein traditionsreiches Unternehmen der Chemieindustrie in Magdeburg war, oder im VEB Fluorwerke bei Pirna. Berichte hätten bspw. gezeigt, dass die Nationale Volksarmee (NVA) der ehemaligen DDR damals unter anderem auch den chemischen Grundstoff für das Nervengift Sarin, Natriumfluorid, in Kesselwagen durch die Gegend fuhr. Forscher in der DDR hätten zudem verschiedenste Stoffe unter anderem an Tieren wie Katzen, Hunden und Meerschweinchen erprobt. Kürzlich gab es im Zusammenhang DDR, nur so nebenbei angemerkt, auch eine Kleine Anfrage zum Thema: "Radioaktive Abfälle in Halden und Absetzbecken"

  
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