DDR: West-Pharmafirmen testeten auch in Jena


DDR

Auch Forscher der deutschen Universitätsklinik Jena in Thüringen stellten sich die Frage, ob damals in der DDR heimlich Tests mit Medikamenten von westlichen Pharmafirmen vollzogen wurden. Nun kam man zu dem Ergebnis, dass es wohl so ist. Patienten in der ehemaligen DDR und hier Jena wurden in "Studien" westlicher Pharmaunternehmen mit einbezogen. Die Forscher der Universitätsklinik Jena (UKJ) kamen im Rahmen der Nachforschungen zu dem Ergebnis, dass mit dem Wirkstoff "Mifepriston" (Abtreibungspille RU-486) experimentiert worden war, der zum Schwangerschaftsabbruch eingesetzt wurde.

Zudem war eine Studie mit dem Antidepressivum "Levoprotilin" (LPT) vollzogen worden, eine weitere zielte mit dem Wachstumshormon "Somatotropin" (ein Proteohormon) speziell auf Kinder und Jugendliche ab, welche demnach unter Wachstumsstörungen litten. Die eingesetzte Arbeitsgruppe des UKJ hatte zur Aufarbeitung der Thematik "Arzneimittelstudien westlicher Pharmafirmen" damals in der DDR nun den Abschlussbericht vorgelegt.

Man hatte sich in erster Linie mit den oben angeführten drei Studien beschäftigt, welche damals während der 1980er Jahre im thüringischen Jena vollzogen wurden. Die Ergebnisse aus Jena zur Aufarbeitung dieser damaligen Unterfangen sieht man auch als einen weiteren Schritt dafür, dass eine notwendige gesamtdeutsche und auch standortübergreifende Bewertung derartiger Aktionen westlicher Pharma-Unternehmen in Kliniken der DDR vollzogen wird.

Durch Prof. Dr. Klaus Höffken, der Medizinische Vorstand des UKJ, hieß es Medienberichten zufolge, dass man für den Standort Jena nun bestätigen konnte, dass Patienten damals an solchen "Studien" westlicher Pharmafirmen beteiligt waren. Weiterhin gab er Medienberichten zufolge zu verstehen, dass man eine wissenschaftliche Arbeitsweise entwickelt habe, mit der man standortübergreifend Vergleiche ermöglichen kann. Noch nicht könne man derzeit sagen, ob die damaligen Studienunterfangen auch "sachgerecht" und "rechtskonform" abliefen.

Mit Blick zurück auf das oben genannte Mifepriston (Abtreibungspille) sah man sich wohl seitens der Forscher in Jena mit offenen Fragen konfrontiert. Durch Recherchen eines Medizinhistorikers (Dr. Rainer Erices) im Bundesarchiv (Berlin) hätte sich ergeben, dass es damals in Jena (1988) eine sog. "Medikamentenprüfung" gab, an der 50 weibliche Personen beteiligt waren. Hierzu konnte man jedoch keine Patientenakten finden. Man geht davon aus, dass sie wohl mutwillig vernichtet wurden. Den weiblichen Personen wurde das Mittel damals ambulant verabreicht. Die ambulanten Patientenakten werden allerdings nach zehn Jahren vernichtet.

Das Antidepressivum Levoprotilin (angst-hemmende Substanz) angesprochen heißt es, dass an Studienunterfangen damals zwanzig Patienten in Jena teilnahmen, doch es gäbe nur noch sieben Patientenakten, in denen sich auch Nachweise über die Studienteilnahme finden ließen. Durch die Friedrich-Alexander-Universität von Erlangen-Nürnberg hieß es durch Dr. Erices (der Medizinhistoriker der im Bundesarchiv forschte), dass die Nachforschungen ein klares Ergebnis dafür sind, weil die vorhandenen Akten den Schluss nahe legen würden, dass diese Studie wohl Bestandteil des "klinischen Alltags" war.

Die auffindbaren Akten enthalten Informationen zum "Start" der Studie, zum Ende dieser oder auch zu Laboruntersuchungen im Kontext der Studie, wie zudem "Überweisungsberichte zu anderen Ärzten, in denen teilweise explizit auf die Studienteilnahme hingewiesen" wurde. Die vorhandenen Akten hatten wohl auch keine Patientenaufklärungsbögen enthalten. Dem Medizinhistorikers Erices zufolge wären die bisher untersuchten Fälle auch kein Einzelfall, man könne vielmehr davon ausgehen, dass damals in Jena "mindestens" 34 derartiger Studienunterfangen liefen. Damit würde sich Jena also im "Mittelfeld" der universitären Kliniken der damaligen Medizinischen Akademien der DDR befinden.

Anhang:

Deutschen Medienberichten vom Mai laufenden Jahres zufolge hätten westliche Pharmaunternehmen damals in der DDR scheinbar unzählige Studien durchgeführt. Man berichtete, dass mehr als 50.000 Patienten mit eingebunden waren. In über 50 Kliniken wurden u.a. Antidepressiva oder auch Herzmedikamente ausgetestet. Dies teils sogar ohne Wissen der Betroffenen, berichtete "Spiegel". Schon in den 1990er Jahren hatte man über Medikamententests in der ehemaligen DDR berichtet.

Mittlerweile stellte sich wohl heraus, dass diese Unterfangen deutlich umfangreicher gewesen sind, als damals angenommen worden war. Spiegel berief sich im Mai 2013 auch auf Akten des damaligen Gesundheitsministeriums der DDR. Weiterhin hatte man Aktenmaterial des berüchtigten Ministeriums für Staatssicherheit (auch als "Stasi" bekannt) oder des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR für Recherchen genutzt.

Mehr als 600 Versuche wurden in Kliniken der ehem. DDR durchgeführt, wobei es "Spiegel" zufolge auch zahlreiche Todesfälle gegeben haben soll. Zahlreiche Tests wurden wegen teils krasser Nebenwirkungserscheinungen abgebrochen. Pharmaunternehmen (wie Bayer, Schering, Hoechst, Boehringer, Pfizer, Sandoz, Roche) hätten teils bis zu 800.000 Deutsche Mark pro Studie angeboten/bezahlt.

Spiegel führte in derartigen Testunterfangen involvierte Pharmafirmen an, dass diese angaben, die Vorgänge würden ja schon "weit zurückliegen". Durch die sogenannte DDR-Opferhilfe hatte man im Mai Entschädigungen von den Pharma-Unternehmen für betroffene Personen eingefordert, sowie eine umfassende Aufklärung. Pharmaunternehmen wie auch involvierte Kliniken/Krankenhäuser müssten der DDR-Opferhilfe zufolge "zur Verantwortung gezogen werden".

Nach den im Frühsommer aufgekommenen Berichten zu den umfangreichen Testunterfangen in der DDR hatte sich der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU), zu Wort gemeldet. Er warnte "vor übertriebener Kritik". Gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung führte er aus: "Dass Leute sterben, das kommt jeden Tag vor". Man müsse vielmehr unterscheiden, ob damals Personen auch an "Grunderkrankungen" gestorben sind oder tatsächlich an der Folge von Medikamententests. Böhmer zufolge dürfte es schwer werden, letzteres auch zu beweisen.

Böhmer plädierte dafür, dass die bekanntgewordenen Fälle aber soweit aufgeklärt werden müssten. Er merkte damals an, dass sowieso noch Belege dafür fehlen würden, dass damals überhaupt etwas "Verbotenes" geschehen sei. Rückblickend ins Jahr 2008 hatte Böhmer dem Magazin "Focus" bspw. schon gesteckt, dass Kindstötungen in der DDR und heute in den neuen Bundesländern "für manche ein Mittel der Familienplanung sind". Als Grund sah er, dass es in Ostdeutschland wohl eine "leichtfertigere Einstellung zum werdenden Leben" geben würde.

Im vergangenen Jahr hatte der Sender ARTE eine Dokumentation unter dem Titel "Pharmalabor Ost – Die geheimen Medikamententests" ausgestrahlt. Hier ging man bereits auf die nebulösen Testunterfangen in der ehemaligen DDR ein. Ludwig Mecklinger, der damals von 1971-1989 als Sozi-Boss des DDR-Gesundheitsministeriums eingesetzt worden war, hatte in Briefen an den DDR-Frontmann Erich Honecker wegen der allgemeinen Planwirtschaft auch vor "Arzneimittelknappheit" gewarnt. Laut ARTE-Doku war dies, wegen des planwirtschaftlich organisierten Gesundheitssystems, ein gefundenes Fressen auch für ehemalige I.G.-Farben Unternehmen wie Hoechst. Mit dem neuen DDR-Konstrukt hatte man nach den Machenschaften des I.G.-Farben-Kartells (der innere Kreis nannte sich "Der Rat der Götter") aus Unternehmen wie Bayer, BASF und Hoechst offenbar auch nach dem Zweiten Weltkrieg ordentlich weiter getestet.

In der DDR gab es bekanntlich auch ohne Pharmafolterungen bereits negative psychologische Einwirkungen - wenn man die allgemeine restliche Knappheit durch die forcierte Planwirtschaft weglässt. Damals musste man gar vor den eigenen Nachbarn Angst haben, denn jeder hätte ja verdeckt ein potenzieller Stasi-Spitzel sein können - woraus sich bei zahlreichen Leuten entsprechend psychologische Probleme einstellten, wie gespaltene Persönlichkeiten durch zwanghaftes Verstellen und so weiter. Im öffentlichen Leben gab man sich i.d.R. als "Volksgenosse" aus, der auf Linie der Sozi-Diktatur war.

Wer dem DDR-Regime dann aber durch bspw. zu viel Freidenkerei ein Dorn im Auge war, landete auch in dunklen Folterkammern der Stasi. Das DDR-"Freilaufgulag" machten sich freilich auch eher kapitalistische Strukturen zunutze. Medienberichten zufolge hieß es etwa im vergangenen Jahr, dass der bekannte Möbelkonzern IKEA in der DDR Waren produzieren ließ. Dies demnach auch von Gefangenen. Im November 2012 berichtete Spiegel, dass bei der Produktion von Ikea-Waren politische Häftlinge und auch Strafgefangene eingesetzt wurden. Dies war laut einer durch IKEA selbst in Auftrag gegebenen Studie herausgekommen. Kritiker sahen damals eine Art Limited-hangout. Die DDR-Opfer-Hilfe sprach von einer "unwissenschaftlichen Show-Veranstaltung". Die Untersuchung der Involvierung IKEAs in der DDR-Zwangsarbeit war „Spiegel“ zufolge durch die elitäre Ernst & Young (aktiv im Bereich Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung und Unternehmens- bzw. Managementberatung) vollzogen worden.

  
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