Nach über 30 Jahren: Italien muss Opfer von Ustica-Vorfall 1980 entschädigen


(C) Werner Fischdick, 1972, Bild: Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

Mehr als 30 Jahre nach dem ominösen Flugzeugabsturz von Ustica ist nun entschieden worden, dass der italienische Staat die Angehörigen der damals 81 ums Leben gekommenen Menschen mit 110 Millionen Euro entschädigen muss. Dies befand das höchste Gericht Italiens am vergangenen Montag.

Man stellte fest (aus dem Konsens heraus), dass die zivile Passagiermaschine von einem Kampfflieger vom Himmel geblasen wurde und nicht etwa durch Materialermüdung oder wegen einer Explosion an Bord. Damals hatten italienische Behörden hektisch und recht schnell verkündet, dass Materialermüdung die Unglücksursache war.

Die Wrackteile lagen in 3000 Metern Tiefe und wurden erst Jahre später geborgen. Damals, am Abend des 27. Juni 1980, befand sich die Passagiermaschine (Fluglinie Itavia) auf dem Flug von Bologna nach Palermo, um 20:59 verschwand sie vom Radar.

Kritische Journalisten und Angehörige haben bereits damals gesehen, dass etwas an der offiziellen Theorie nicht stimmt. Diese Vermutungen wurden über Jahre hinweg aber schlicht als "Einbildung" oder "Verschwörungstheorie" bezeichnet.

Das Gericht stellte nun fest, dass es nicht etwa eine Verschwörungstheorie war, sondern vielmehr eine Verschwörungspraxis. Das Gericht schloss sich der These der Fachleute an, dass die Douglas DC-9 der Fluglinie Itavia (Flug 870) von einer Rakete getroffen wurde.

Im Jahr 1999 gab es zur Sache ein Urteil in einem Strafprozess, bei dem man von einer Explosion an Bord ausging. In dem Urteil machte man deutlich, dass Verteidigungs- und Transportministerium versagt hätten, nämlich für Sicherheit in der zivilen Luftfahrt zu sorgen, weshalb der Staat haftbar ist.

In den Jahren zwischen 2000 und 2005 standen vier Luftwaffengeneräle aus Italien wegen Hochverrats vor Gericht, da sie Ermittlungen über den Absturz "fehlgeleitet" hatten.

Das Gericht hatte zum nun ergangenen Urteil angemerkt, dass man nicht ausschließe, dass die Passagiermaschine versehentlich von einem Kampfjet abgeschossen worden war. Hier spekulierte man, dass die Rakete möglicherweise auf einen libyschen Kampfjet gerichtet gewesen sein könnte.

Interessierte Kreise, insbesondere Militärs und Geheimdienste, sollen Falschinformationen in Umlauf gebracht haben, um die Ermittlungen in ihrem Sinne zu beeinflussen, heißt es in italienischen Medienberichten zur Sache. In der Sache löste auch der Tod von zwei italienischen Militärpiloten Spekulationen aus.

Diese (Piloten Ivo Nutarelli und Mario Naldini) waren in der Unglücksnacht über dem fraglichen Gebiet unterwegs. Im Jahr 1988 starben sie bei der Flugzeugkatastrophe von Ramstein (28. August 1988; Flugschau auf der Ramstein Air Base). Der ehemalige Staatspräsident Italiens, Francesco Cossiga, sprach im Jahr 2007 von einer französischen Rakete, welche die Maschine mit Gaddafi hätte treffen sollen.

Rückblick: Stellungnahme Napolitano (aus Wikipedia)

Anlässlich des 30. Jahrestages am 27. Juni 2010 forderte Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano - als einer der wenigen italienischen Politiker, die sich überhaupt zu dem Fall äußerten - die Aufklärung des Unglücks. Napolitano sagte: "Es gibt Spuren einer Verschwörung, im Fall von Ustica vielleicht auch eine internationale Intrige, die wir in Erinnerung rufen müssen."

Sein Vorgänger Francesco Cossiga warnte einen Monat zuvor Journalisten, ihre Recherchen zum 30. Jahrestag des Ustica-Absturzes doch besser im Ausland zu betreiben, sonst könnte ihnen etwas zustoßen, etwa eine Lebensmittelvergiftung oder ein Zusammenstoß mit einem LKW.

Was gerade auch in Italien zu jener Zeit für ein Geheimdienst-Wirrwarr vorherrschte, können Sie etwa in dem Buch Der Mossad (ISBN: 978-3442150663) des Autors Victor Ostrovsky nachlesen.

Bild-Quelle: Wikipedia (symbolisch)

  
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