Kirche: Breitangelegtes Projekt zur Aufklärung von Missbrauchsfällen möglicherweise vor dem Aus


(C) Doug Kerr, 2009, Bild: flickr (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0)

Vorerst soll der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche nicht umfassend aufgeklärt werden, wie es in Medienberichten heißt. Eigentlich sollten mit dem breiten Forschungsprojekt Fälle von sexuellen Übergriffen von Kirchenangehörigen und Priestern seit dem Jahr 1945 untersucht werden. Diese umfassende Aufklärung scheint nun aber erst einmal gescheitert zu sein. Ob es eine Fortführung des Projekts geben wird, muss abgewartet werden.

In einem Bericht der Süddeutschen-Zeitung schreibt man zur Sache, dass die Kirche den Vertrag über die Aufarbeitung kündigen wolle. Ein dafür verfasstes Schreiben des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) als Vertretung der Bischöfe solle an das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) geschickt werden, heißt es dazu.

Das KFN sollte eigentlich die Vorhaben der Kirche mit umsetzen. Seitens des Direktors, Christian Pfeiffer, wurden schwere Vorwürfe gegen die katholische Kirche erhoben. Gegenüber der Süddeutschen-Zeitung sagte der KFN-Mann, dass das Projekt an Zensur- und Kontrollwünschen der kath. Kirche gescheitert sei.

Auch wurde in dem Bericht der SZ deutlich gemacht, dass die ursprünglich getroffene Vereinbarung unterlaufen wurde - die Kirche hätte darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie auch über die Auswahl der beteiligten Mitarbeiter mitbestimmen zu dürfen.

Diese Vorwürfe wies man seitens der katholischen Kirche zurück und machte umgekehrt das KFN für das Scheitern verantwortlich. Im Juli des Jahres 2011 hatten der Verband der Diözesen und das benannte Forschungsinstitut das angesprochene Projekt vertraglich vereinbart und sogar öffentlich vorgestellt. Den Angaben des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge war das Projekt das weltweit umfassendste zur Thematik.

Es sollten Akten aller Diözesen teilweise seit Ende des Krieges, 1945, auf Missbrauchsfälle hin untersucht und zudem sämtliche Opfer schriftlich befragt werden. Auch hätte man "vertiefte Interviews" mit Tätern und Opfern innerhalb des angestrebten Projekts vorgesehen. Nachdem es seitens verschiedener Priester und Bischöfe Kritik gegeben hatte, forderte der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) Änderungen an den zuvor getroffenen Vereinbarungen.

Ein Vertragsentwurf vom Mai 2012 hätte dabei vorgesehen, dass die Kirche tatsächlich letztlich darüber bestimmen könne, ob die Ergebnisse des Projekts veröffentlicht oder nie bekannt werden. Dem Bericht zufolge wären dadurch auch Habilitations- und Doktorarbeiten betroffen gewesen, welche generell publiziert werden müssen, damit der Titel erlangt werden kann.

In einem weiteren Entwurf, vom Juni 2012, sah man auch vor, dass die Kirche ein Vetorecht einforderte, gegen die Anstellung neuer Forscher für das angestrebte Projekt - wenn auch nur aus "wichtigem Grund", wie man schreibt. Seitens des Direktors Christian Pfeiffer benannte man diese Änderungswünsche als "unvereinbar mit der Freiheit wissenschaftlicher Forschung".

In weiteren Angaben heißt es seitens Pfeiffers, laut einem Brief an die Bischöfe, dass Hinweise aus der Kirche hervorgehen, dass in gleich mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet wurden. Eine Anfrage an die Bischöfe sei nie beantwortet worden, heißt es dazu.

Vom Geschäftsführer des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) konnte zu dieser Sache vernommen werden, dass er diesen Darstellungen widerspricht, es würden für Vernichtungen von Täterakten keinerlei Anhaltspunkte bestehen.

Das Projekt sei unter anderem an offenen Fragen des Datenschutzes gescheitert, etwa wie man personenbezogene Daten von Opfern und Tätern anonymisiere. Die Kirche habe sich beim Streitpunkt „Veröffentlichung der Ergebnisse“ kompromissbereit gezeigt, sagte der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz Hans Langendörfer. Inzwischen sei das Vertrauensverhältnis zu Pfeiffer jedoch "zerrüttet".

Es habe in der Tat Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit zwischen Pfeiffer und der katholische Kirche gegeben, hieß es am Dienstagabend aus Kirchenkreisen. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, beteuert, das Vorhaben werde unabhängig vom Ausgang der Auseinandersetzung fortgesetzt: "Sollte die Zusammenarbeit mit dem KFN scheitern, würde es eine Fortführung des Projekts mit einem anderen Kooperationspartner geben".

Im Jahr 2010 erschütterte der Skandal um den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen und Kindern die katholische Kirche. Die Misshandlungen lagen teils kurze Zeit, aber teils auch mehr als 60 Jahre zurück. Viele Fälle waren strafrechtlich verjährt. Im Januar 2010 kamen erste Verdachtsfälle am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten ans Licht.

In den darauffolgenden Wochen wurden die Fälle immer mehr - unter anderem auch im oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen. Doch nicht nur die katholische Kirche geriet in das Licht jener Irritationen, auch die evangelische Kirche geriet in den Sog des Skandals. Sexuelle Übergriffe auf Schüler an der weltlichen Odenwaldschule im hessischen Heppenheim wurden bekannt.

Bild-Quelle: flickr (symbolisch; kein Bezug)

  
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